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  Witold Gombrowicz – Deutsche Version   Leben
 
Ausführliche Chronologie 

Polen (1904-1939)

Kindheit in Maloszyce und Bodzechów (1904-1910)

1904

Mit Rührung laufe ich dir, du meine Kindheit, in Gedanken entgegen!
Memoiren des Stefan Czarniecki


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Witold als Kind.


Am 4. August wird Witold Marian Gombrowicz als Sohn einer Landadelsfamilie in Małoszyce geboren, auf dem Gut seines Vaters Jan Onufry Gombrowicz, 200 Kilometer südlich von Warschau, in der Nähe von Sandomierz.
Sein Vater, Jan Onufry Gombrowicz (1868-1933), ist litauischer Abstammung.


Mein Vater? Ein prächtiger Mann, von Rasse, stattlich und auch vorbildlich, pünktlich, pflichtgetreu, systematisch, von nicht allzu weiten Horizonten, mäßiger Sensibilität in Dingen der Kunst, ein Katholik, doch ohne Übertreibung.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze


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Antonina Marcelina Gombrowicz geborene Kotkowska und Jan Onufry Gombrowicz.


Seine Mutter Antonina, geborene Kotkowska (1872-1959), ist die Tochter von Landbesitzern aus Zentralpolen.


Meine Mutter hingegen zeichnete sich durch ungewöhnlich lebhaftes Gemüt und blühende Phantasie aus. Nervös, exaltiert, inkonsequent, nicht imstande, sich zu kontrollieren, naiv und - schlimmer noch - mit einer völlig falschen Vorstellung von sich selbst.
Polnische Erinnerungen


Jan Onufry Gombrowicz verwaltete einen Teil der Güter seiner Schwiegereltern und arbeitete ebenfalls in der Industrie. Er gründete eine Papierfabrik, die nach seinem jüngeren Sohn „Witulin“ hieß, der sie später erben sollte.


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Litauen, das Land der väterlichen Vorfahren von Witold Gombrowicz im 17. Jahrhundert.


So also waren wir in jener proustischen Epoche, am Beginn des Jahrhunderts, eine entwurzelte Familie in einer nicht sehr klaren gesellschaftlichen Situation zwischen Litauen und Kongresspolen, zwischen Dorf und Industrie, zwischen der sogenannten besseren und der mittleren Schicht. Dies ist nur das erste von diesen „Zwischen“, die sich im weiteren Verlauf rings um mich vermehren werden bis zu dem Grade, dass sie beinah zu meinem Wohnort werden, zu meiner eigentlichen Heimat.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze


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Die Familie Gombrowicz vor Witolds Geburt.


Ich beginne damit, dass mein Elternhaus allem Anschein zum Trotz eine einzige große Dissonanz war, die meine kindlichen Ohren unablässig plagte. Das hatte viele Ursachen, eine der wichtigsten war die Disharmonie der Temperamente und Charaktere meiner Mutter und meines Vaters.
Polnische Erinnerungen


Witold hat zwei ältere Brüder, Janusz (1894-1968) und Jerzy (1895-1971), und eine Schwester, Irena (1899-1961), die immer Rena genannt wurde.
Er wird in der katholischen Religion von einer französischen und einer Schweizer Gouvernante erzogen, Mademoiselle Jeannette und Fräulein Zwieck.


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Seit seiner frühesten Kindheit wird Witold Witek, Itek oder Ita genannt.


In der Tat war ich das Hätschelkind einer sogenannten „ehrbaren“ Familie - doch muß man das Wort „ehrbar“ ohne Ironie verwenden, denn im Haus lebten recht gutmütige Menschen, die ihre Prinzipien hatten.
Polnische Erinnerungen

1905-1908


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Bodzechów, das Gut der Familie mütterlicherseits von Witold Gombrowicz; links die Papierfabrik, rechts das Wohnhaus.


Den Sommer verbringt die Familie Gombrowicz in Bodzechów, das in der gleichen Region wie Małoszyce liegt, auf einem Gut des Großvaters mütterlicherseits, Kotlowski, von dem später die Schauplätze der Romane Die Besessenen und Pornographie inspiriert werden.


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Eine patriotische Demonstration in Warschau während der Revolution von 1905.


Jan Onufry Gombrowicz, Witolds Vater, wird angeklagt, der revolutionären Fraktion der polnischen sozialistischen Partei anzugehören. Er wird verhaftet und zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, bleibt aber in Freiheit.


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Jan Onufry Gombrowicz als Student und junger Ehemann.


Ein Bild, das mir in der Erinnerung blieb und immer wieder auftauchte, war dieses: ein Knecht in einer Joppe, ohne Mütze, im Regen mit meinem Bruder Janusz sprechend, der einen Mantel umhatte und unter einem Schirm stand. Prächtige Schärfe der Augen, der Wangen, des Mundes dieses Knechtes im peitschenden Regen. Schönheit.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze

1910
Witold Gombrowicz beginnt seine schulische Laufbahn mit Hauslehrern. Die französische und die schweizerdeutsche Gouvernante unterrichten ihn in ihren Sprachen.


Dieses Spiel ließ uns die tieferen, dramatischeren Reibungen vergessen, die sich im Inneren verbargen, und erleichterte uns den Umgang mit unserer Mutter sehr. Von daher stammt gewiss der Kult des Vergnügens in meinem späteren Schaffen und das Verständnis für seine ungeheure Bedeutung in der Kultur.
Polnische Erinnerungen


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Witold Gombrowicz in Małoszyce. Neben ihm seine Großmutter, seine Mutter und seine Schwester.


Der Krieg, den ich und meine älteren Brüder mit meiner Mutter führten, beruhte vor allem auf der systematischen Verneinung dessen, was immer sie sagte. Es genügte, wenn sie nebenbei bemerkte, es regne, und schon zwang mich eine übermächtige Kraft, sogleich mit einstudierter Verwunderung, als hätte ich die größte Absurdität vernommen, festzustellen: „Wieso! Die Sonne scheint doch!“
Polnische Erinnerungen


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Witolds Mutter und seine Gouvernante Fräulein Zwieck.


Von Natur aus war sie, wie gesagt, faul und ungeschickt, und da es in jenen proustischen Zeiten viel Gesinde gab, so nahm sich der Kinder eine französische Gouvernante an, während die Rolle der Mutter darin bestand, dem Koch, dem Stubenmädchen oder dem Gärtner Aufträge zu erteilen. Das hinderte sie nicht, zu sagen, dass sie „alles am Halse“ habe, dass „Arbeit adelt“, dass „der Garten in Maloszyce ihr Werk“ sei, dass sie „glücklicherweise ziemlich praktisch“ sei. „Ich liebe es, in freien Momenten Spencer oder Fichte zu lesen“, sagte sie vollkommen aufrichtig, obgleich die Werke dieser Philosophen in den unteren Fächern der Bibliothek mit unaufgeschnittenen Seiten glänzten.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze

Jugend in Warschau (1911-1928)

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1911
Die Familie Gombrowicz lässt sich in Warschau nieder, in der Służewska-Straße n° 3, in einem vornehmen Viertel in der Nähe des Łazienki-Parks.


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Links das Haus in der Służewska-Straße n° 3, kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1905. Rechts das Viertel der Służewska-Straße in Warschau 1930.


Während der Ferien kehrt er aufs Land zurück, wo „das Drama begann“.


Ich war mit mehreren Gleichaltrigen befreundet, den Söhnen der Bauern und Pferdeknechte. Daher kam es, dass Janusz für mich, als ich noch ein zehnjähriger Knirps war, eine „Garde“ organisiert hatte, das heißt eine Abteilung Dorfjungen, die ich kommandierte. Natürlich machte ich schon damals schreckliche Qualen durch, wenn während des Exerzierens meine Mutter oder die Gouvernante mir von fern zuriefen, ich solle mir keine nassen Füße holen und ob mir auch nicht kalt sei.
Polnische Erinnerungen


Mutter: Du begreifts wohl gar nicht, dass du uns krank machst. Uns beide, mich und dich! Mikroben! Bazillen! Mikroben überall! Mit nacktem Fuß berührst du die Erde! Grässlichen Schmutz, Rinnsal und Schlamm, Abfall und Verwesung! Wie kann man die Welt mit nacktem Fuß berühren! Du begreifst wohl gar nicht, was das ist, die Welt?
Geschichte


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Das Bauernkind und das Kind des Herrenhauses. Władysław Podkowiński „Das sumpfige Land“ (1892) und „Kinder in einem Garten“ (1892).


Bei seinen bäuerlichen Spielgefährten in Małoszyce wird sich Witold des sozialen Unterschieds bewusst, der sie voneinander trennt.


Theoretisch war ich der Anführer, der junge Herr, ein höheres, zum Befehlen berufenes Wesen - in der Praxis stießen mich alle Attribute meines Herrendaseins wie Stiefel, Joppe, Schal, Gouvernante und - oh, Graus! - Gummischuhe auf den tiefen Grund der Demütigung: mit heimlicher sorgsam getarnter Bewunderung betrachtete ich die nackten Füße und handgewebten Hemden meiner Untergebenen. [...] So habe ich schon damals, ungefähr mit zehn Jahren, etwas Ekelhaftes entdeckt, die Tatsache nämlich, dass wir „Herrschaften“ ein vollkommen groteskes und sinnloses, törichtes und schmerzhaft komisches, ja sogar widerwärtiges Phänomen sind.
Polnische Erinnerungen


In Warschau erhält Witold Privatunterricht, der für ihn, Kazimierz Baliński und Antoni Wasiutyński im Haus der Familie Baliński organisiert wird.

1914
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die Familie Gombrowicz auf ihrem Landsitz in Małoszyce festgehalten. Die Region ist Schauplatz militärischer Operationen.


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Die Armee von Józef Piłsudski auf dem Feldzug während des Ersten Weltkrieges, Zeichnung von Józef Świrysz-Ryszkiewicz.


Das war im Ersten Weltkrieg, die Front war viermal über uns hinweggerollt, hin und zurück ferner Geschützdonner, immer näher kommend, Feuersbrünste, fliehende Truppen, angreifende Truppen, Schießerei, Leichen am Teich - aber auch längere Standquartiere von russischen, österreichischen, deutschen Abteilungen - wir, die Buben, amüsierten uns mit dem Aufsammeln von Patronen, Bajonetten, Koppeln und Patronentaschen. Brodem von Brutalität drang aufreizend herein, obwohl mein herrschaftlicher Stand mich vor dem unmittelbaren Kontakt mit dem Kriege bewahrte.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze

1915
Mit elf Jahren tritt Witold Gombrowicz in das „sehr aristokratische“ Stanislaus-Kostka-Gymnasium in Warschau ein.


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Witold Gombrowicz als Schüler.


Und die ersten Jahre waren schmerzhaft - ich trat in die zweite Klasse ein, war folglich einer der Jüngsten, und da ich ein unruhiges und trotziges Temperament hatte, wurde ich binnen kurzem zum Opfer aller Schwitzkästen, Einfach- und Doppelscheren, Nelsons oder gewöhnlichen Rippenstöße und Fußtritte. [...] Trotzdem sank ich nicht in die Reihe der Blödiane ab, ich suchte mir Bundesgenossen und machte mich daran, einen Angriffs- und Abwehrblock zu organisieren...
Polnische Erinnerungen


Witold zieht zwei weiße Ratten auf, eine Erfahrung, die ihn später zu einer Erzählung, Die Ratte, inspiriert.
Er begeistert sich für die polnischen Romantiker Zygmunt Krasiński und Juliusz Słowacki, für die Abenteuerrome von Karl May, dem Schöpfer des Winnetou.


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Klassenfoto von 1918 im Stanislaus-Kostka-Gymnasium. Witold Gombrowicz, in der mittleren Reihe, erster von links, stehend, mit Krawatte.


Er begegnet Tadeusz Kępiński, seinem zukünftigen Biographen, der sich erinnert:

Er kam mir anders als meine Schulkameraden vor. Er hatte blaue Äderchen auf den Schläfen, eine hohe weiße Stirn, hellbraune Augen und blonde Haare. Eine gerade Nase, rote, leicht geöffnete Lippen. Wären da nicht seine ziemlich großen Ohren gewesen, man hätte ihn als Mädchen verkleiden können. Er konnte kein R sprechen und deshalb empfand ich in diesem Fehler sofort eine Art Brüderlichkeit mit ihm.
Tadeusz Kępiński, Witold Gombrowicz und die Welt seiner Jugend


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Illustrationen in „Die blaue Uniform“ von Witold Gomulicki, ein polnischer Literaturklassiker für die Jugend, 1905 erschienen.

1916-1917
Die drei Länder, die Polen über hundert Jahre lang besetzt hatten, sind in Auflösung. Russland wird von der bolschewistischen Revolution erschüttert, Österreich-Ungarn und Deutschland sind im Begriff, den Krieg zu verlieren. Józef Piłsudski, der die polnische Armee befehligt, unternimmt den polnischen Befreiungskampf.


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Józef Piłsudski, Held der polnischen Unabhängigkeit (J. Malczewski, „Portrait des Brigadier Józef Piłsudski“, 1916). – Der Kampf für die Wiederentstehung Polens während des Ersten Weltkrieges (W. Kossak, „Die Ulanenattacke bei Rokitna im Juni 1915“).


In diesen Jahren weckte der Krieg in mir die unstillbare Sehnsucht nach dem Westen. [...] Gespannt studierte ich die Frontveränderungen und bezeichnete auf der Karte mit dem Bleistift jedes eroberte Dorf irgendwo in der Gegend von Reims oder Amiens - mit feierlicher Miene, als hinge davon Gewinn oder Verlust des Krieges ab. Hinter dieser Front begann für mich Europa, die Russen und die Deutschen waren eine zweitrangige, lächerliche, barbarische, mich von der Zivilisation trennende Existenz.
Polnische Erinnerungen


Mit dem Heranwachsen zum Jugendlichen verstärkt sich bei Witold Gombrowicz das Gefühl der Fremdheit gegenüber seinem eigenen Milieu.
Die Problematik der Überlegenheit/Unterlegenheit beschäftigt ihn. Diese existenzielle Erfahrung wird zu einem der Hauptthemen seines Werkes.


Ja, ich verabscheute den Salon, verehrte im stillen die Anrichte, die Küche, den Stall, die Knechte und Mägde - und meine frühzeitig erwachte Erotik, genährt durch den Krieg, die Gewalttätigkeit, den Soldatengesang und den Schweiß, fesselte mich an diese an harte Arbeit gewohnten und schmutzigen Körper. Das Niederere wurde für immer zu meinem Ideal.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze

1918
Nach über hundert Jahren staatlicher Inexistenz wird am 11. November die Unabhängigkeit Polens ausgerufen. Józef Piłsudski wird erster Regierungschef.


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Warschau 1918. Die Menge feiert das Ende des Krieges und entfernt die deutschen Schilder. - Ein patriotisches Plakat von 1918 „Das Vaterland ruft Euch! Kauft Staatsanleihen“ (B. Nowakowski). – Das wiederentstandene Polen in seinen neuen Grenzen: die Verwaltungsgliederung von 1921.


Wie herrlich dieses Jahr 1918. Ich war noch zu jung, um das Finale des ersten Weltkrieges in seiner ganzen Schönheit zu begreifen, das so viel stärker von Poesie erfüllt war als der Schluss des zweiten. Das erschütternde Erwachen zu einem neuen Leben voller Versprechungen, das Zertrümmern der Monarchenthrone, steifen Kragen, Schnurrbärte und „Ehren“-Vorurteile. Die Freiheit des Körpers verband sich mit der Freiheit des Geistes...
Polnische Erinnerungen


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„Sex-Appeal“, polnischer Foxtrott, Komposition von Henryk Wars, 1937 von Adam Aston gesungen, ein Hinweis auf die Lockerung der Sitten in der Zwischenkriegszeit


Witold Gombrowicz verbringt seine Nachmittage in der Wiejska-Straße bei seinen Freunden Antoni und Kazimierz Baliński, deren Vater Senator ist. Hier findet er in den Jahren seiner Schulzeit eine Art Wahlfamilie.

1919

Was den Intellekt anbelangt, so schaute ich bereits in der sechsten Klasse (ich war fünfzehn Jahre alt) in Kants Kritik der reinen Vernunft.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze


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Die Entdeckung der Philosophie: Kant, Schopenhauer, Nietzsche und Scheler.


Die Lektüre von Nietzsche und Schopenhauer beeindruckt den jungen Witold Gombrowicz am stärksten. Bis zum Ende seines Lebens hegt er eine große Bewunderung für diese beiden Philosophen. Er liest außerdem die Klassiker der Weltliteratur, die großen polnischen Autoren und Abenteuerromane.


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Witold begeistert sich für die Philosophie von Hegel und Russell.


Witold Gombrowicz und sein Bruder Jerzy interessieren sich für Berichte über Seeschlachten und für Ahnenforschung.

1920
Der polnisch-russische Krieg ist in vollem Gange. Im August stoppt die polnische Armee bei Warschau die Offensive der Roten Armee. Während sein Bruder Jerzy als Freiwilliger in der Kavallerie dient, wird Witold Gombrowicz, den seine Mutter daran hindert, „seine Pflicht zu erfüllen“, in einer zivilen Einrichtung damit betraut, Päckchen an die Soldaten zu verschicken.


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Der Krieg im Jahr 1920: „He Pole, nimm dein Bajonett!“ und „Zu den Waffen! Retten wir das Vaterland! Lasst uns an die Zukunft denken!“ - Jerzy Gombrowicz, der Bruder von Witold Gombrowicz, als Soldat der polnischen Armee in den 1920er Jahren. - Die polnischen Pfadfinder in dieser Zeit.


Dieses Jahr 1920 machte aus mir ein Wesen „nicht wie alle“, ein isoliertes, am Rande der Gesellschaft lebendes Wesen. [...] Der Bruch mit der Gruppe, mit der Nation, der mich zur Suche nach eigenen Wegen und zu einem Leben auf eigene Faust zwang, begann für mich in jenem denkwürdigen Jahr der Schlacht vor den Toren Warschaus.
Polnische Erinnerungen


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Links das Familienwappen väterlicherseits Gombrowicz–Kościesza. Rechts das Familienwappen mütterlicherseits Kotkowski–Ostoja.


Witold schreibt die Geschichte seiner Familie, Illustrissimae familiae Gombrovici, sein erstes nicht schulisches Werk.


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Ausschnitt aus seinem Stammbaum, 1952 von ihm selbst gezeichnet.

1922
Witold Gombrowicz bereitet sich auf das Abitur vor, auf Polnisch „Reifezeugnis“ genannt. Später nennt er sein erstes Buch Memoiren aus der Epoche des Reifens.
Die Problematik der Unreife/Reife wird eines seiner Hauptthemen.


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Lektüre in der Jugend: Montaigne, Shakespeare, Rabelais, Goethe.


Witold ist ein begeisterter Leser. Pascal, Rabelais, Montaigne, Shakespeare, Dostojewski, Thomas Mann und Alfred Jarry werden zu seinen Vorbildern.


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Fjodor Dostojewski, Alfred Jarry, Thomas Mann.


Der Schüler Itek bekommt folgende Noten im Abitur: „ausgezeichnet“ in Polnisch, „gut“ in Religion und in Geschichte, in allen anderen Fächern gerade „ausreichend“.


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„Świadectwo dojrzałości“: Reifezeugnis.


Er schreibt sich in der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Warschau ein.


Ich besuchte die Vorlesungen nicht. Mein Diener, der vornehmer war als ich, nahm für mich daran teil.
Witold Gombrowicz, Cahier de L’Herne


Witold Gombrowicz meint das natürlich ironisch. Er hatte keinen Diener.
Er interessiert sich für römisches Recht. Sein Freund Tadeusz Kępiński nimmt ihn zu den Vorlesungen des berühmten Logikers Tadeusz Kotarbiński mit.

1923


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Witold mit einem Jagdaufseher in Potoczek.


Kleinere Anfälle von Lungenfieber veranlassen Witold Gombrowicz zu Aufenthalten in den Bergen, bei Zakopane in der Hohen Tatra, oder auf dem Land, bei Potoczek in Zentralpolen, bei seinem Bruder Janusz. Diese beiden Orte werden zu seinen bevorzugten Feriendomizilen.


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Janusz Gombrowicz, Witolds Bruder und Besitzer von Potoczek, mit seinem Sohn Józef.


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Jagd in Potoczek. Im Gegensatz zu seinen Brüdern mochte Witold Gombrowicz diesen für den Landadel typischen Zeitvertreib nicht.


In der „völligen Einsamkeit der Wälder“ schreibt Witold Gombrowicz seinen ersten Roman, die Geschichte eines Buchhalters, den er sofort wieder vernichtet.
Mit Tadeusz Kępiński schreibt er einen weiteren, von schlechten Liebesgeschichten inspirierten Roman.


Es begann damit, dass mein einstiger Schulkamerad Tadzio Kępiński und ich beschlossen, vierhändig einen Sensationsroman zu schreiben, um einen Haufen Geld zu verdienen. [...] Ich bin aber heute geneigt anzunehmen, dass diese Idee eines „schlechten Romans“ der Gipfelpunkt meiner gesamten literarischen Laufbahn war - nie, weder vorher noch nachher, hat mich eine in höherem Grade schöpferische Idee heimgesucht. [...] Mein Projekt war in diesem Sinn unerhört radikal: sich der Masse ergeben, schlechter, niedriger werden - nicht die Unreife beschreiben, sondern in ihr schreiben...
Polnische Erinnerungen

1924
Jerzy Gombrowicz, Witolds Bruder, heiratet und lässt sich in Wsola, in der Nähe von Radom, nieder. Witold hält sich oft dort auf. Er schreibt dort die meisten Erzählungen der Memoiren aus der Epoche des Reifens und seinen ersten Roman Ferdydurke.


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Das Gutshaus von Wsola in der damaligen Zeit. Witold Gombrowicz (sitzend rechts) und die Gutsbesitzer, sein Bruder Jerzy und dessen Frau, Aleksandra geborene Pruszak (links auf der Balustrade sitzend). Auf dem rechten Photo, auf Witolds Schoß, deren Tochter Tereska.


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Wsola heute, das einzige Haus der Familie Gombrowicz, das noch existiert. In ihm ist heute das Witold Gombrowicz Museum eingerichtet.


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Die Geschwister vereint: Witold Gombrowicz sitzend und seine Schwester Rena. Dahiner rechts Jerzy, Aleksandra und die kleine Tereska, links Janusz und Franciszka mit ihrem Sohn Józef.

1926
Witold Gombrowicz arbeitet an einem sehr persönlichen und gewagten Text, den er sich nur einer Freundin, Madame Szuch, zu zeigen wagt. Diese rät ihm, den Text zu vernichten, was er sogleich tut.


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Witold in Wisła mit einer jungen Gymnasiastin, Krystyna Maryanska-Zgrzebnicka.


Während der Ferien flirtet er mit einer jungen Gymnasiastin in Wisla, im Süden Polens.


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Krystyna Janowska, Witolds erste Liebe.


Witold Gombrowicz verliebt sich in Krystyna Janowska, ein junges Mädchen aus dem Nachbargut seines Bruders in Wsola.


Mich persönlich beglückte der Passagier des Ballons mehr noch als der Ballon selber. Über Wiesen, Feldern und Wäldern machte ich zum ersten Male im Leben Bekanntschaft, machte sie unaufhörlich und immer näher, und sie hörte mich so gerne an, dass ich wohl an die tausendmal ihr kleines, aufmerksames und vorstehendes Ohr geküsst hätte. Doch obwohl Frauen angeblich Romantik lieben, schwieg ich vor ihr von dem Neger und von meinen anderen Abenteuern - mit Rücksicht auf eine unverständliche, doch brennende Scham, die mich davor warnte, zuviel zu sagen. Es kam der Tag, an dem wir die Ringe tauschten - dann nahte der Tag der Trauung.
Abenteuer


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Witold Gombrowicz gibt sich als Dandy, mit seiner Cousine Inia Skibniewska und seinem Cousin Gutek Kotkowski.


Seine Familie möchte ihn mit einer jungen Gräfin, der Freundin seiner Schwester, verloben. Witold entzieht sich jedoch.

1928
Nach dem Abschluss seines Jurastudiums wird Witold Gombrowicz von seinem Vater nach Frankreich geschickt, um dort seine Studien fortzusetzen. Witold schreibt sich in das Institut des hautes études internationales in Paris ein, besucht aber keine Kurse. Er bricht zu einer „Pilgerfahrt ins Herz Europas“ auf. Im Mai reist er ab und verbringt ein Jahr in Frankreich. In Paris wohnt er in der Rue Belloy, in der Nähe der Avenue Kléber. Er führt ein „unregelmäßiges Leben“.


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Das Paris der Bohème in den Bildern des Photographen André Kertesz: „Bistrot“, „Das Café du Dôme“, „Paris 1927“.


Wenn ich meinen Pariser Aufenthalt in kurze Worte fassen sollte, wäre da vor allem das Schlendern durch die Straßen. Kein Herumtreiben, sondern ein Schlendern.
Polnische Erinnerungen


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Invalidendom, Grab Napoleons.


Eines Tages, als ich irgendeine Pariser Straße entlangging, (irgendeine, denn die Straßennamen interessierten mich nicht), floh ich vor einem Regenschauer in eine Kirche. Zu meiner Verwunderung entdeckte ich so etwas wie einen Brunnen und in der Tiefe einen Katafalk. Ich schaute hin und ging hinaus, denn es hatte zu regnen aufgehört. Jahre später erfuhr ich, dass es sich um Napoleons Grab gehandelt hatte.
Polnische Erinnerungen


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Im Louvre.


Die Künstlerwelt zog mich an mit ihrer Freiheit und ihrem Glanz, stieß mich aber moralisch und physisch ab. Der Ausflug in den Louvre war also nicht ganz unschuldig. Treppen. Statuen. Säle.
Polnische Erinnerungen


Mona Lisa.


„Das Gesicht der Gioconda - wie schön“! schrieb ich dort. „Aber was haben wir davon? Es ist schön, doch es macht die Gesichter seiner Verehrer entsetzlich. Auf dem Bild die Schönheit, vor dem Bild Snobismus, Dummheit, stumpfe Anstrengung, etwas zu erwischen von dieser Schönheit, von deren Existenz man unterrichtet ist“.
Polnische Erinnerungen


Witold Gombrowicz lernt den Chinesen Chou kennen, der ihn in die Studentencafés des Quartier Latin mitnimmt, wo er mit den Parisern Streitgespäche führt und „den Stier der abendländischen Überlegenheit“ zum ersten Mal bei den Hörnern packt.


Ich musste als Pole, als Repräsentant einer schwächeren Kultur, meine Souveränität verteidigen, ich durfte nicht zulassen, dass Paris mich überwand!
Polnische Erinnerungen


Witold Gombrowicz fährt anschließend für einige Monate in die Pyrenäen. Er verbringt sechs Monate in Vernet-les-Bains, Le Boulou, Port-Vendres und Banyuls, die ihm das Licht des Südens nahebringen. Das Mittelmeer erlebt er als Offenbarung.


Was alle Kathedralen und Museen von Paris nicht vermocht hatten, schaffte dieses Band der schwindelerregenden, auf das Meer zulaufenden Chaussee, und ich verstand plötzlich den Süden, Frankreich, Italien, Rom und tausend andere Dinge. Sie wurden zum ersten Mal wichtig für mich...
Polnische Erinnerungen


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Bei Banyuls.


Er hat „Umgang mit Freunden, die Frauenhandel betreiben. Man will ihn einsperren und nur das Eingreifen des Pfarrers Barcelo, der sein Freund wird, verschont ihn vor dem Gefängnis“, berichtet die von Witold Gombrowicz verfasste Biographie, die ihm Cahier de l’Herne widmet.

Literarische Anfänge in Warschau (1929-1939)

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1929

Am Tag nach der Rückkehr aus Paris stieg ich in eine Warschauer Straßenbahn. Die Gesichter. Verschlafene, abgestumpfte, zerflossene, elende Gesichter ... diese Armseligkeit, lähmend wie der Schlaf ... Und diese slawische Schwerfälligkeit ... Und noch die seltsame, nicht mehr europäische, exotische Kleidung ... Lange Zeit hindurch nach meinen Pariser Tagen verfolgte ich in Polen das Nichteuropäische, versuchte ich zu entdecken, worin die polnische Grenzlage in bezug auf Europa bestand.
Polnische Erinnerungen


Nach seiner Rückkehr tritt Witold Gombrowicz eine Praktikantenstelle bei einem Untersuchungsrichter am Warschauer Gericht an.
An zwei Tagen in der Woche nimmt er an Prozessen teil und schreibt die Sitzungsprotokolle, eine Arbeit, die er interessant und lehrreich findet.


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Witold Gombrowicz in den 1930er Jahren.


Sehr viel näher lag mir der Standpunkt des Gesetzesübertreters, er sei mangels Glück „hereingefallen“.
Polnische Erinnerungen


Witold verschlingt eine Unmenge an Büchern und kommt durch Zufall dazu, Tennis zu spielen.


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Vornehmes Viertel in Warschau vor dem Krieg. - Innenansicht des Café Ziemiańska, Gemälde von J.Rapacki. - Das Stadtzentrum von Warschau.


Witold Gombrowicz schreibt die Erzählungen, die in den Band Memoiren aus der Epoche des Reifens aufgenommen werden: Der Tänzer des Rechtsanwalts Landt, Ein Verbrechen mit Vorbedacht, Memoiren des Stefan Czarniecki und Jungfräulichkeit.

1930
Witold Gombrowicz besucht die literarischen Cafés der polnischen Hauptstadt wie das berühmte Café Ziemiańska.
Nachdem er wegen seiner allzu liberalen und judenfreundlichen Einstellung beim Gericht von Radom abgewiesen wurde, gibt er die juristische Laufbahn auf. Er gibt sich als junger Dandy und hält sich in Zakopane auf, in der Hohen Tatra, wo bekannte Künstler und Intellektuelle ihre Sommerfrische verbringen.


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Witold Gombrowicz mit Freunden in Zakopane.


Es war 1930. Ich [...] befand mich in Zakopane. Die Pension, in der ich abstieg, hieß „Mirabela“. [...] Im „Mirabela“ wurde nicht getrunken. Die Jugend war uns genug. Man lachte, man amüsierte sich, wir bekamen Lachkrämpfe. Alle! Außer einem jungen Mann: [...] Witold Gombrowicz. Er war liebenswürdig, ziemlich steif. Er nahm nicht an unseren Gesprächen teil. Er spielte nicht Karten. Wir trugen alle Skianzüge, Gombrowicz war als Jäger gekleidet: Halbstiefel, Knickerbocker, Federhütchen. Man sah ihn vor allem in der Eingangshalle, wo er beim Schachspiel gegen die besten Spieler von Zakopane gewann. Er lachte nie, war aber auch nicht trübsinnig. Seine Lippen waren in einer Art vornehmer und ziemlich künstlicher Grimasse versteift. Manche von uns machten sich über seine Art zu gehen lustig. Er trug seinen Kopf leicht nach hinten geneigt und drehte ihn langsam von links nach rechts, als ob er etwas schnupperte. Hanka Bal sagte, er schien die Gerüche der Blumensträuße einzuatmen, die man hinter ihm trug.
Tadeusz Breza in Gombrowicz, Cahier de l’Herne


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Zakopane, Zentrum des polnischen Wintersports.

1933
Witold Gombrowicz veröffentlicht sein erstes Buch, den Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens. Er erscheint im Verlag Rój in Warschau, die Druckkosten werden von seinem Vater bezahlt.
Einige Kritiker nehmen den Titel auf, um den Autor zu verunglimpfen, und heften ihm das Etikett der Unreife an.
Die Erzählungen dieses Bandes erscheinen 1957 in einer erweiterten Ausgabe unter dem Titel Bakakaj. Sie wurden in der deutschen Übersetzung in den Band Bacacay aufgenommen.



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Das erste Buch von Witold Gombrowicz. Rechts die erweiterte, mit einem neuen Titel versehene Ausgabe zwanzig Jahre später.


Witold Gombrowicz beginnt sein erstes Theaterstück Yvonne, die Burgunderprinzessin in der Nacht, während er auf einem Teppich liegt und bei seinem kranken Vater wacht.


... dass Yvonne mehr von der Biologie herstammt als von der Soziologie.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze


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Yvonne, die Burgunderprinzessin, Entwurf von Joanna Remus.


Witolds Vater stirbt am 21. Dezember. Witold Gombrowicz erbt die Hälfte des Gutes von Małoszyce und bekommt einen Teil der Erträge aus den Mietshäusern.


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Witold Gombrowicz mit seinen Eltern. Rechts Witolds Vater, Jan Onufry Grombrowicz, ein wohlhabender Geschäftsmann, im Kurort Krynica.


Die Presse wird auf den jungen Schriftsteller aufmerksam. Er wird regelmäßiger Mitarbeiter als Literaturkritiker bei verschiedenen Warschauer Zeitungen.


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Die Erzählung Le festin chez la comtesse Fritouille (Gastmahl bei der Gräfin Torremal) von Denis Lhomme (oben) und Stanislao Lepri (unten) illustriert.


1934
Witold Gombrowicz schließt mit zwei außergewöhnlichen Künstlern Freundschaft, den Malern und Schriftstellern Bruno Schulz und Stanisław Ignacy Witkiewicz, „Witkacy“ genannt.


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Bruno Schulz (1892-1942), Selbstporträt und eine seiner Zeichnungen.


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Witkaca (1885-1939) und eines seiner Gemälde.


Das literarische Leben wird dominiert von der Zeitschrift Skamander und seinem Dichterkreis, zu dem Jaroslaw Iwaszkiewicz, Julian Tuwim, Antoni Słonimski, Jan Lechoń und Kazimierz Wierzyński gehören.
Witold Gombrowicz, der sich von dieser einflussreichen Gruppe fernhält, baut sich einen eigenen Kreis im Café Ziemiańska auf. Er besucht auch ein anderes Café, das Zodiak.


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Die „Skamandriter“ Tuwim, Lechoń, Słonimski, Iwaszkiewicz und Wierzyński.


Jeden Abend gegen neun Uhr begab ich mich in ein Café, in die damals beliebte Ziemiańska nahe dem Warecki-Platz. Ich setzte mich an eines der Tischchen, bestellte einen „halben Schwarzen“ und wartete, bis sich der Kreis der Kaffeehaus-Kumpane einfand. [...] Hinzugefügt werden muss, dass ein Warschauer Café und insbesondere das Café Ziemiańska anders aussah als die Kaffeehäuser der übrigen Welt - man trat von der Straße aus ins Dunkle, in eine entsetzliche Suppe aus Rauch und Gestank, und aus diesem Abgrund schauten erstaunliche Gesichter herauf, die in dem allgemeinen Rauschen irgend etwas zu schreien oder durch Gesten auszudrücken versuchten.
Polnische Erinnerungen


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Eine Karikatur von Jotes (Jercy Szwajcer), die Schriftsteller im Café Ziemiańska.


Witold Gombrowicz setzt seine Arbeit an dem Theaterstück Yvonne, die Burgunderprinzessin fort und schreibt zwei Erzählungen, Philidor mit Kind durchsetzt und Philibert mit Kind durchsetzt, die in seinen ersten Roman Ferdydurke aufgenommen werden.


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Philidor mit Kind durchsetzt als Comic von Denis Lhomme.

1935
Nach dem Tod des Marschalls Piłsudski wird die politische Führung in Polen zunehmend autoritärer und fremdenfeindlicher. Es kommt immer häufiger zu antisemitischen Ausschreitungen.


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Józef Piłsudski stirbt am 12. Mai 1935. Es wird Staatstrauer angeordnet und er bekommt ein Staatsbegräbnis.


Nach dem Tod von Jan Onufry Gombrowicz ziehen Witold und seine Schwester Rena mit der Mutter in die Chocimska-Straße n° 35. Er bewohnt eine Zweizimmerwohnung gegenüber der Wohnung seiner Mutter und seiner Schwester.


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Witold Gombrowicz wohnt bis zu seiner Abreise aus Polen in der Chocimska-Straße. Dies ist der einzige Gombrowicz-Ort in Warschau, der den Krieg überstanden hat. Gedenktafel, die anlässlich seines hundertsten Geburtstages angebracht wurde.


Rena, eine Diplom-Mathematikerin, ist eine aktive, fortschrittliche Katholikin. Sie agiert in den Kreisen junger Aristokraten. Beruflich schlägt sie die Laufbahn einer Rundfunkreporterin ein.


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Rena und die Mutter von Witold Gombrowicz. Die beiden Frauen leben bis zum Tod der Mutter zusammen.


Witold Gombrowicz schließt Yvonne, die Burgunderprinzessin ab. Er schreibt Kritiken, unter anderem über Don Quichotte von Cervantes, über die Einführung in die Psychoanalyse von Sigmund Freud und über Der Spiegel der See von Joseph Conrad. Diese Texte sind in den Bänden Varia veröffentlicht.


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Cervantes, Conrad und Freud. Conrad übt großen Einfluss auf Witold Gombrowicz aus.

1936
Polen wird von vielen Streiks und gewalttätigen Bauerndemonstrationen erschüttert. In den Universitäten provozieren junge Faschisten Streitigkeiten zwischen den Studenten.
Nach seiner autobiographischen Notiz in Gombrowicz, Cahier de l’Herne, arbeitet Witold noch immer an Ferdydurke. „Unternimmt mehrere Reisen. Hat eine Liebesgeschichte mit der Köchin. Beziehungen mit den Bediensteten. Flirt mit einer schönen jungen Dichterin“.


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Aniela Brzozowska, die Hausangestellte der Familie Gombrowicz in den 1930er Jahren. Als Witold ihr das Ende des Romans Ferdydurke mitteilte, rief sie aus: „Schluss und Punktum! Wer es las, der ist dumm!“ Diese Worte wurden an das Romanende angefügt.


Er gründete keine große Hoffnung auf seinen neuen Roman, den er eher als Abrechnung sah als das „opus magnum“, mit dem er in das Pantheon eingehen würde.
Tadeusz Kępiński, Witold Gombrowicz und die Welt seiner Jugend


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Bei einer Schiffsreise auf der Weichsel. Eine „poetische“ Korrespondenz über diese Reise von Warschau nach Danzig erschien 1935 in Tygodnik Ilustrowany.


Witold Gombrowicz veröffentlicht einige Artikel über literarische Neuerscheinungen und eine Lobrede auf Ubu Roi von Alfred Jarry. Diese Texte finden sich in den Bänden Varia.
In der Zeitschrift Studio erscheint ein „offener Briefwechsel“ zwischen Witold Gombrowicz und Bruno Schulz.


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Eine literarische Auseinandersetzung zwischen Witold Gombrowicz und Bruno Schulz, bekanntgeworden als Streit über die „Ansichten der Doktorin von der Wilcza-Straße“.

1937


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Entwurf von Joanna Remus.


Ferdydurke erscheint im Oktober im Verlag Rój, wobei der Autor die Hälfte der Druckkosten übernimmt.


Diese letzten Tage waren für mich durch die Lektüre des Buches von Gombrowicz geprägt. Es machte auf mich einen ungeheuren, überwältigenden Eindruck. Dieses Buch ist unmöglich in irgendeine Kategorie einzuordnen. Es ist ein Werk von großer Tragweite, voll neuer Perspektiven: eine wahre Entdeckung.
Bruno Schulz an Roma Halpern, Brief vom 16. November 1937


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Von Bruno Schulz stammen die Illustrationen zur ersten Ausgabe von Ferdydurke.


Dieses Buch hat mich in gewisser Weise mit dem Leben konfrontiert.
Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze


Die Zeitschrift Skamander veröffentlicht seine Erzählung Auf der Küchentreppe.
Witold schreibt Kritiken über die französische Übersetzung des Romans Ulysses von James Joyce und über die polnische Übersetzung von Die jungen Mädchen von Henry de Montherlant. Diese Artikel befinden sich in den Bänden Varia.


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James Joyce und Henry de Montherlant.

1938
Witold Gombrowicz reist über Österreich nach Italien. Er besucht Wien, Rom und Venedig, wo er das Aufsteigen des Faschismus spürt, eine „drückende, von dieser Rohheit vergiftete Atmosphäre, die sich unter der Heiterkeit der Meisterwerke aus der Renaissance und Gotik einschlich“.


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1938: Die Annexion Österreichs durch Hitler. Hitlers Truppen besetzen das Sudetenland.


Als wir die Vorstädte Wiens erreichten, sah ich Gruppen von Menschen mit Fackeln und hörte Hochrufe. Die Schreie „Heil Hitler!“ drangen bis an unsere Ohren. Die Stadt tobte. Ich verstand, das war der Anschluss. Hitler marschierte in Wien ein.
Polnische Erinnerungen


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Warschau, 1957: Uraufführung von Yvonne, die Burgunderprinzessin, zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung.


Nach seiner Rückkehr nach Polen erholt sich Witold Gombrowicz in der Tatra. Die Zeitschrift Skamander veröffentlicht Yvonne, die Burgunderprinzessin in den Nummern 93-95.
Nach seinen eigenen Aussagen wird das Stück „weder von der Kritik zur Kenntnis genommen noch im Theater aufgeführt“.


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Die Veröffentlichung von Yvonne, die Burgunderprinzessin wurde zwar damals nicht zur Kenntnis genommen, doch Ferdydurke erregte die Aufmerksamkeit der Kritik.


In der Herbstnummer der Zeitschrift Skamander erscheint eine lange Besprechung des Romans Ferdydurke von Bruno Schulz:

Hier wird die plumpe Mechanik unserer Ideale aufgedeckt, eine Mechanik der Redefiguren und der primitven Befolgung sonstiger sprachlichen Formen. Gombrowicz ist ein Meister dieser lächerlichen und grotesken psychischen Maschinerie, er weiß sie zu hitzigen Gefechten zu führen, zu großartigen Explosionen in einer wundervollen, bizarren Konzentration.
Bruno Schulz über Ferdydurke


Witold Gombrowicz schreibt Artikel über das Werk von Bruno Schulz, über die Autobiographie von H. G. Wells und über die Memoiren von Lloyd George. Diese Texte befinden sich in den Bänden Varia.


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Herbert George Wells und Lloyd George.

1939
Das letzte Jahr von Witold Gombrowicz in Polen ist geprägt von intensivem literarischen Schaffen.


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Szczur (Die Ratte).


Die Erzählung Die Ratte wird in der angesehenen Zeitschrift Skamander veröffentlicht.


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Opętani (Die Besessenen).


Im Juni beginnt der Abdruck von Die Besessenen als Fortsetzungsroman in den Warschauer Zeitungen Dobry Wieczór, Kurier Czerwony und in der Zeitung Express Poranny von Kielce-Radom, der unter dem Pseudonym Zdzisław Niewieski erscheint.
Der Krieg verhindert die Veröffentlichung der letzten Folgen.


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Die Besessenen erscheinen 1973 auf Polnisch bei Kultura, einige Jahre nach dem Tod von Witold Gombrowicz.


Am 29. Juli schifft sich Witold Gombrowicz auf dem Passagierschiff Chrobry ein. Es ist die Eröffnungsfahrt der Schifffahrtslinie nach Argentinien, an der auch andere Schriftsteller wie Czesław Straszewicz, Journalisten und Diplomaten teilnehmen. Witold Gombrowicz wird auf Vorschlag eines jungen Beamten des Industrieministeriums, Jerzy Giedroyc, zu dieser Reise eingeladen. Dieser ist von Ferdydurke begeistert. Nach dem Krieg gründet Giedroyc die Zeitschrift Kultura und wird der Herausgeber der Werke von Gombrowicz auf Polnisch.


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Der Personalausweis von Witold Gombrowicz.


Der fast 35-jährige Schriftsteller ahnt nicht, dass dies ein endgültiger Abschied von Polen sein wird. Witold Gombrowicz kehrt nie wieder in sein Heimatland zurück.


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Polnischer Tango „Złociste chryzantemy“ (goldene Chrysanthemen), von Janusz Popławski am Ende des Sommers 1939 aufgenommen, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen


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Das Passagierschiff Chrobry. Gdingen - Buenos Aires.

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Kontakt email: info.de@gombrowicz.net